Der Mangel an Disziplin - und was Eltern von Internaten und im Besonderen von englischen Internaten erwarten

Wer heute seinem Kind einen Auslandsaufenthalt ermöglichen will, findet dazu viele Angebote erfahrener Organisationen in einschlägigen Anzeigen großer deutscher Tageszeitungen. Bei diesen Auslandsprogrammen wird das Kind meist in einer Familie untergebracht und lernt so die Kultur des Gastlandes nebst Sprache kennen.

Manche Eltern sehen aber in einem Auslandsaufenthalt vornehmlich ein anderes Ziel. Nicht eine Familie, sondern ein Internat im Ausland wird gesucht, und das vornehmlich in England.

Englische Internate erfüllen nämlich aus deutscher Elternperspektive vor allem eine Erwartung: Disziplin und eine Beschäftigung über den gesamten Tag.
Der englische Internatsalltag hat Tradition und gilt nicht so elitär wie etwa die Schweizer Internatstradition - so jedenfalls aus deutscher Sicht. Interessanterweise haben solche Eltern meist Kinder in der 9., 10. oder 11. Klasse, die im deutschen Schulwesen nicht ausreichend das Lernen gelernt haben und aus Sicht der Eltern nachmittags zu viele Freiräume besitzen.

Interessanterweise sind besagte Eltern oft unzufrieden mit den Leistungen und Anforderungen der örtlichen Schule und dem Freizeitverhalten ihrer eigenen Kinder. Was das Letztere anbelangt, so schwingt durchaus ein Moment der Selbstkritik, d. h. der eigenen Unfähigkeit mit, die 15 bis 17-jährigen zu einer anspruchsvolleren Freizeitgestaltung zu motivieren.

Die Unzufriedenheit mit der Schule bezieht sich häufig auf eine schwierige Situation in der Klasse des eigenen Kindes, in der keine zufrieden stellende Lernatmosphäre herrscht. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich oft um zu viel Unruhe, einige Störer, Mobbing oder auch um mangelnde Motivation einiger Lehrer in einer Klasse mit über 30 Schülern. Kurz um, es geht vornehmlich um den Mangel an Disziplin.

In der Regel ist Eltern weniger an besseren schulischen Inhalten, als an mir Erziehung zur Disziplin gelegen. Der Ortswechsel nach England erscheint dazu ideal, zumal dort durch die Internatsunterbringung nicht die Ungewissheiten eines ausländischen Familienlebens bestehen, die die elterlichen Erwartungen unterlaufen könnten. Die Erwartung an mehr Disziplin ist somit eine doppelte: mehr Disziplin in der Schule und mehr Disziplin am Nachmittag durch sportliche und kreative Angebote.

Der Wunsch nach einer besseren Lernsituation in den Schulen beschäftigt nicht nur Eltern von so genannten guten oder schwachen Schülern, sondern auch aus der dritten Gruppe: von Eltern mit Kindern im mittleren Leistungsbereich, die ihre Möglichkeiten vertrödeln.

Das allgemeine Image von Internaten bietet sich hier als relativ sichere Lösung an. Dies liegt aber weniger an den objektiven Einflussmöglichkeiten von Internaten auf junge Menschen, als an der geringen Kenntnis der Eltern über Internate und der mangelnden Reflexion über die wahren Gründe, ein Internat zu suchen. Viele Internatsleiter kämpfen mit den schier unerfüllbaren und meist unbewussten Erwartungen der Eltern.

So sehr verständlich diese Elternerwartungen auch sind, sind sie doch sehr gefährdet.
Die Situation der Kinder wird nicht ausreichend bedacht:

  1. Wenn die Eltern ihre Erwartungen nicht klar auf den Tisch legen, sondern verheimlichen, gelingt dem Kind keine wirkliche Integration ins Internat, weil es sich überfordert oder gar unbewusst bestraft fühlt für etwas, was es aus seiner Sicht nicht beeinflussen konnte. Selbst der hohe Internatspreis und das breite Angebot wirken so nur versüßend.
  2. Für einen wirklichen Lernprozess der Kinder müssten die Internatsaufenthalte zwei Jahre oder länger dauern. Kürzere Aufenthalte erzeugen viel Druck beim Kind bzw. Frustration nach der Rückkehr, wenn alles wieder in den alten Gleisen läuft.
  3. Ein Internatsaufenthalt muss schulisch gut mit der Fächerkombination der deutschen Schule verknüpfbar sein. Dies ist in England kaum möglich (Differenz von Abitur und A-Level), sodass der Auslandsaufenthalt aus deutscher Schulperspektive fast nutzlos ist.

Der Internatsaufenthalt des eigenen Kindes, insbesondere wenn es sich um einen Internatsaufenthalt in England handelt, kommt damit einer Fahrt ins Ungewisse gleich. Der Besuch eines Internats eignet sich nicht zur Kompensation von Defiziten in der o.g. Weise. Ein wirklich gutes Beratungsgespräch müsste die wahren Motive beleuchten und realistische Chancen eines Englandaufenthaltes gegenüberstellen.

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